

Jede zweite Frau in Mexiko erlebt im Laufe ihres Lebens sexuelle Gewalt. Über Femizide und ihre Hintergründe spricht Wendy Figueroa Morales mit Moritz Osswald, der sie in Mexiko-Stadt getroffen hat.
Die amtierende Präsidentin Mexikos, Claudia Sheinbaum, wurde bei einem öffentlichen politischen Auftritt auf der Straße sexuell belästigt. Der Vorfall vom 4. November 2025 ist auf Video dokumentiert, das Verfahren läuft. Was sagt uns das über die Situation der Frauen im Land?
Dass keine Frau hier sicher ist – weder im öffentlichen Raum, noch im privaten, oder im digitalen. Machistische Gewalt unterscheidet nicht nach sozioökonomischem Status, dem Ort oder der Macht, die eine Frau innehat. Der Aggressor wurde in diesem Fall sehr schnell angezeigt und festgenommen. Das sendet eine klare Botschaft an alle Täter: Gewalt gegen Frauen wird nicht mehr geduldet. Der Vorfall zeigt aber auch: Gerechtigkeit ist ein Privileg in unserem Land. Abseits der Präsidentin gibt es so viele Frauen, die nach wie vor auf Gerechtigkeit warten, die nicht gehört werden, denen nicht geglaubt wird.
Warum wird Frauen nicht geglaubt, wenn sie über ihre Gewalterfahrungen sprechen?
Zum einen liegt es an der umgekehrten Schuldzuweisung, wenn etwa gesagt wird: „Die übertreibt doch, die hat es selbst provoziert, das war doch kein großes Ding“. Und zum anderen in der Reviktimisierung, also dem Phänomen, das Opfer früherer Traumata ein erhöhtes Risiko haben, später erneut Opfer zu werden.
Stereotype Rollenbilder und die strukturelle Ungleichheit der Geschlechter führen dazu, dass stets gedacht wird, dass wir Frauen übertreiben, ein Drama wegen nichts anzetteln, oder, dass wir einfach mehr aushalten müssten. In nur zwei von 100 Fällen kommt es zu einer Verurteilung. In 98 Prozent aller Fälle bleiben die Täter straffrei. Das vermittelt ihnen die Botschaft, dass dir in Mexiko in der Regel nichts passiert, wenn du eine Frau gewaltsam angreifst oder tötest.
Gibt es ein bestimmtes Täterprofil für Männer, die Femizide begehen?
Frauenmörder sind gesunde Kinder des Patriarchats. Das bedeutet: Jeder Mann, der in einem machistischen und patriarchalen System aufgewachsen ist, jeder Mann, der Frauen als Objekte oder seinen Besitz betrachtet, und jeder Mann, der strukturelle Vorteile aufgrund seines Geschlechts hat, ist ein potenzieller Täter. Oft wird die Behauptung aufgestellt, Täter seien Psychopaten oder Narzissten. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir nicht von Krankheiten als Ursache ausgehen sollten, sondern vom Patriarchat als einem System der Unterdrückung. Es gibt kein typisches Berufsprofil von Frauenmördern. Sie sind Ärzte, Politiker, Handwerker, Lehrer oder Mitglieder organisierter Bandenkriminalität.
Ni Una Menos
Jeden Tag werden in Lateinamerika elf Frauen Opfer von Femiziden. Von dieser Zahl geht Cepal, die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik, aus. Die US-Soziologin Diana R. Russell definiert Femizid als das Töten von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind. Femizide kommen am häufigsten innerhalb von Paarbeziehungen vor. Um die hohe Straflosigkeit sichtbar zu machen, führte die mexikanische Anthropologin Marcela Lagarde den Begriff „Feminicidio” (übersetzt: „Feminizid”) in den politischen Diskurs ein. Dieser betont die Mitverantwortung des Staates. Unter anderem durch den Druck der transnationalen feministischen Bewegung Ni Una Menos („Nicht eine weniger”) ist Femizid in vielen lateinamerikanischen Staaten als eigener Straftatbestand verankert – in Mexiko seit 2012 – und führt somit zu einem höheren Strafmaß. Nicht so in Österreich. Zwar ist das Risiko, durch geschlechtsspezifische Gewalt getötet zu werden hier niedriger als in Lateinamerika, aber auch in Österreich erlebt knapp jede dritte Frau körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. Zudem zählt Österreich, gemessen an der Bevölkerungszahl, zu den EU-Staaten, in denen die meisten Frauen ermordet werden.
Das lässt mich an ein Radiointerview mit dem ehemaligen Fakultätsdirektor der Nationalen Autonomen Universität (UNAM) Mexikos, Iván Ruiz García, im Jahr 2021 zurückdenken. Da sagte er, dass ein Frauenmord auch ein „Akt der Liebe“ sei.
In Mexiko ist der Satz „Bis dass der Tod uns scheidet“ sehr fest in den Köpfen verwurzelt. Das gilt auch im Mordfall. Femizide werden romantisiert und durch die „logische“ Annahme erklärt, dass die Frau dem Mann gehört habe.
Dabei macht Gewalt keine Unterschiede. Sie überschreitet Grenzen und berücksichtigt weder Alter, Geschlecht, Bildungsstand noch sozioökonomischen Status. Daher ist es so wichtig, Buben in den ersten Lebensjahren auf der Basis der Geschlechtergleichheit zu erziehen.
Genau diese Arbeit ist unter anderem Teil Ihres Lebenswerks. Was wird denn in den Schutzzentren des Red Nacional de Refugios konkret gemacht?
Wir sind hier in der Hauptstelle des Nationalen Netzwerks der Frauenhäuser, einer zivilgesellschaftlichen Organisation. Landesweit gibt es 70 Zentren als Anlaufstellen für Frauen in Notsituationen. Wir sind jedoch mehr als nur ein Frauenhaus: Die Kinder der Betroffenen erhalten hier ebenso Schutz. Wir leisten Arbeit zur Vorbeugung von Gewalt, bieten psychologische sowie rechtliche Beratungen an und machen Workshops zum Thema Unternehmer:innentum. Aus Sicherheitsgründen sind die Adressen der Frauenhäuser geheim. Im Gegensatz zu Regierungsinstitutionen sind wir mit unseren Leistungen für jede Frau da, unabhängig davon, ob sie eine Anzeige erstattet hat, oder nicht: via Telefon, Social Media, und persönlich – jeden Tag, 24 Stunden.
Wie finanziert sich das Nationale Netzwerk der Frauenhäuser?
Wir bekommen keine staatliche Unterstützung. Private Initiativen, Spenden und internationale Geldgeber finanzieren uns. Über Budgets zu sprechen bedeutet auch, über Menschenrechte zu sprechen. Die Regierung gibt nicht preis, wie viel Geld tatsächlich im Bundeshaushalt für Frauenhäuser und Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen vorgesehen ist. Information bedeutet Macht. Ich nenne das institutionelle Gewalt, was gerade passiert. Der Bundeshaushalt 2025 ist noch unter dem Ex-Präsidenten zustande gekommen. Doch den für 2026 hat die neue Präsidentin Claudia Sheinbaum zu verantworten. Offenbar haben für sie Frauenhäuser und Schutzmaßnahmen keine Priorität. Eine Frau als Präsidentin bedeutet nicht automatisch eine feministische Politik.
Wie kann ein Wandel bei den Männern herbeigeführt werden?
Sie müssten nochmal geboren werden (lacht). Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Männer sollten ihr Verhalten und ihre Handlungen hinterfragen. Zum Beispiel: aufhören, sexistische Witze zu machen oder darüber zu lachen. Und für alle gilt: Kleine Buben nicht vom Kindesalter schon in typisch männliche Rollenbilder und Verhaltensmuster zu drängen. Männer müssen erkennen, dass sie selbst gar nicht davon profitieren, wenn ihnen patriarchale Strukturen etwa verwehren, sich und ihre Gefühle auszudrücken.
Interview und Übersetzung: Moritz Osswald
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